|
|
Showing 1 - 9 of
9 matches in All Departments
Was man in der alteuropaischen Metaphysik "das Wesen" des Menschen
genannt hat, ist historisch zugrunde gegangen. Die Spezifik des
Menschen wurde in seiner dualistischen Aufspaltung, entweder Seele
oder Korper zu sein, und in seiner monistischen Auflosung, ganz
Natur oder Geist zu sein, verfehlt. Gleichwohl sind wir alle in
unserem Common sense praktisch der Frage ausgesetzt, wie wir die
naturlichen, sozialen und kulturellen Aspekte unserer Existenz in
der Fuhrung eines menschlichen Lebens sinnvoll berucksichtigen
konnen. Die neuen Reproduktions-, Umwelt-, Kommunikations- und
Sozialtechnologien werfen taglich die Frage auf, was es heisst, als
vergleichbare Person und als Individuum ein menschliches Leben zu
fuhren. Die "Philosophische Anthropologie" (Helmuth Plessner) hat
die Spezifik menschlicher Phanomene naturphilosophisch als eine
Besonderheit im Spielverhalten hoherer Saugetiere erschlossen. Im
Spielen kann Verhalten von seinem ursprunglichen Antrieb abgelost
und an einen neuen Antrieb gebunden werden. Dies gelingt seitens
des Organismus um so besser, je ruckbezuglicher seine zentrische
Form (Gehirn) der Selbstreproduktion wird. Dadurch entsteht aber
eine Ambivalenz in den Zentrierungsrichtungen des Verhaltens,
namlich spontan aus der leiblichen Funktionsmitte des Organismus
heraus oder von den korperlich moglichen Funktionsmitten der Umwelt
her. Diese Ambivalenz bedarf zur Stutzung entsprechender
soziokultureller Losungsformen, in denen sie lebbar verschrankt
werden kann. Wer wie z. B. Kinder spielt, lebt in der Differenz,
sein Verhalten verkorpern (von einem Zentrum ausserhalb des eigenen
Leibes her koordinieren) und verleiblichen (auf seinen eigenen
unvertretbaren Leib hin zentrieren) konnen zu mussen. Die
(kategorische) Not solcher Lebewesen, ihre beiden
Zentrierungsrichtungen ausbalancieren zu mussen, kann aber auf
kontingente Weise (konjunktivisch) befriedigt werden. Dieser
"Kategorische Konjunktiv" (Plessner) der Lebensfuhrung macht
Menschen einer geschichtlich zu erringenden soziokulturellen Natur
bedurftig. Im ersten des auf zwei Bande konzipierten Werks wird
Plessners "Kategorischer Konjunktiv" als ein Spektrum menschlicher
Phanomene vorgefuhrt, in denen sich unsere verschiedenen leiblichen
und korperlichen Sinne zu einer Funktionseinheit verschranken. Der
Zusammenhang unserer Sinne ergibt sich daraus, dass jeder Mensch
lebensgeschichtlich eine soziokulturelle Elementarrolle spielt.
Dank dieser kann man sich personalisieren (vergleichbar werden) und
im Unterschied zu ihr individualisieren. Das Schauspielen der Rolle
gerinnt in Ausdrucks-, Handlungs- und Sprachformen, unter denen die
westliche Modernisierung hochst einseitig solche der
Selbstbeherrschung durch Selbstbewusstsein ausgezeichnet hat. Das
Ausspielen der Rolle findet aber seine Verhaltensgrenzen in
Phanomenen ungespielten Lachens und Weinens, in denen die Zuordnung
zwischen Individuum und Person nicht mehr gelingt. Das
Eingespieltsein zwischen sich als Person und Individuum kann im
ungespielten Lachen zu mehrsinnig oder im ungespielten Weinen
sinnlos werden. Die soziolkulturell zu bestimmter Zeit anerkannten
Rollen werden aber individuell durch Suchte und Leidenschaften und
geschichtlich durch kulturelle Entfremdung der Nachwachsenden und
gesellschaftliche Offnung der Gemeinschaftsformen wieder aus der
Balance gebracht. Daraus resultiert das Problem der geschichtlichen
Selbstermachtigung von Individuen und Generationen. Plessners neue
Konzeption souveraner Formen von Macht, die aus der Relation zur
eigenen Unbestimmtheit zu gewinnen sind, und im Hinblick auf die
moderne Emanzipation der Macht fur plurale Gesellschaften als
Minima moralia erortert. In den Verhaltensgrenzen des angespielten
Lachen und Weinens werden wir uns unbestimmt. Wer diese Grenzen
uberschreitet, begeht der Moglichkeit nach Unmenschliches."
Wie kann die Entstehung des kritischen Potentials der Hegelschen
Philosophie historisch verstandlich werden? In der Beantwortung
dieser Frage wird Hegels Transformation der "Arbeit des
Republikaners fur das Allgemeine" (1795) uber die "allgemeine
Arbeit des Krieges" (1802) bis zur "Arbeit des Begriffes" (1807)
rekonstruiert. Diese Transformation erfolgt in Hegels Teilnahme an
revolutionshistorischen Heroismusformen, die Citoyen-Substitute fur
die bourgeoise Hegemonie begrunden. Fur Hegels UEbergang vom
jakobinischen zum napoleonischen Substitut spielt zunachst die
"hoehere Aufklarung" der "Vereinigung" (Hoelderlin) die
Schlusselrolle, sodann die durch Schellings "Anschauung"
ermoeglichte Rezeption der manufakturburgerlichen OEkonomie (A.
Smith) im Unterschied zur handelsburgerlichen OEkonomie (J.
Steuart). Mit der Arbeit des Geistes beginnt die genuin Hegelsche
Objektivierung des heroischen Idealismus durch die
spekulativ-systematische Selbstbegrundung des Begriffs. Daran
konnte Marx in seiner Frage nach der UEberwindung des Gegensatzes
zwischen abstrakter und konkreter Arbeit durch Formen der
"allgemeinen Arbeit" und der "unmittelbar gesellschaftlichen
Tatigkeit" anschliessen.
Menschenaffen erganzen ihr Instinkt- und Triebleben positivistisch
durch individuelle Intelligenz, Sozialitat und Kulturalitat. Was
ihnen fehlt, ist der Sinn fur das Negative, d. h. derjenige
Weltkontrast, der die Selbstreferenz von Symbolen und des Sozialen
ermoglicht. Was man heute in der Evolutionstheorie den Schlussel
der Menschwerdung nennt, eine soziokulturelle Nischenbildung,
arbeitete die Philosophische Anthropologie besser als eine
soziokulturelle Umwelt heraus. Die neurobiologische Hirnforschung
entdeckt dafur das neurophysische Korrelat in der Selbstreferenz
des Gehirnes. Aber sie missversteht ihre Verstehensprojektion als
eine deterministische Kausalerklarung. Demgegenuber ladt die Tiere
und Menschen vergleichende Verhaltensforschung zur Erweiterung und
Differenzierung des Forschungsrahmens ein. Die Philosophische
Anthropologie deckt diejenigen lebenspraktischen Voraussetzungen
auf, unter denen Forschung auch kunftig Wesensmerkmal des Menschen
bleibt: In der personalen Lebensform besteht der immer wieder
ubersehene "Rest," der anthropologisch weder erklart noch
verstanden, aber philosophisch erschlossen und eingesehen werden
kann."
Die Buchreihe "Philosopische Anthropologie" wird mit einem Band
eroffnet, der die Philosophische Anthropologie im Streit vorstellt.
Gefuhrt wird dieser Streit um das Paradigma der Philosophischen
Anthropologie und um ihre Methoden im Unterschied sowohl zu anderen
Philosophien als auch zu den verschiedenen
Erfahrungswissenschaften. Ihre Grenzbestimmungen und Grenzubergange
finden schliesslich anhand ausgewahlter Themen eine exemplarische
Erprobung."
Die menschliche Lebensfuhrung ist weder durch Wesenheiten
vorherbestimmt noch eine beliebige Konstruktion. Sie bedarf der
Aufdeckung der zum Leben notigen Moglichkeiten. Dieser Kategorische
Konjunktiv beugt der unmenschlichen Verstetigung ungespielten
Lachens und Weinens vor. Menschliche Lebewesen brauchen einen
geschichtlichen Prozess, um ihre Natur offentlich herausproduzieren
zu konnen. Die Wahrnehmung der ersten Person bedeutet Teilnahme an
der Semiosis lebendiger Augenblicke. Diesseits von Naturalismus und
Sprachidealismus wird hier der dritte Weg eines
modernitatskritischen Philosophierens erkundet. Auf jenem Weg
Philosophischer Anthropologie kommt der Geschlechterfrage ein hoher
Stellenwert zu. Die Selbstermachtigung zur Produktion biologischer
und soziokultureller Geschlechterbestimmungen hat ihre Grenzen am
notigen Respekt vor unserer erotischen Leibesnatur."
Wahrend seit einiger Zeit im Feuilleton ein Kulturkampf zwischen
Vertretern des "Gehirns" und des "Geistes" ausgefochten wird, haben
fuhrende Neurobiologen und Philosophen unter Beteiligung einer
Soziologin, eines Mathematikers und zweier Physiker - in der
"Deutschen Zeitschrift fur Philosophie" eine Sachdiskussion zu den
Grenzfragen der Hirnforschung gefuhrt. Neben der hier vorgelegten
vollstandigen Neuedition dieser Auseinandersetzung umfasst ca. ein
Drittel des Bandes samtliche Beitrage einer bisher
unveroffentlichten Schlussrunde, die eine vorlaufige Bilanz zieht,
die strittig bleibt. Alle Diskussionsteilnehmer sind sich in der
Intention einig, dass weder der reduktive Naturalismus noch der
ontologische Dualismus von Gehirn und Geist uberzeugen konnen.
Uneins bleiben aber nicht nur die Neurobiologen und Philosophen
gegen einander, sondern auch die Philosophen und die Neurobiologen
jeweils untereinander. Der Dissens betrifft die Frage, wie ihre
schwache Gemeinsamkeit methodologisch und geschichtlich,
ontologisch und ontisch so durchgefuhrt werden kann, dass keine
Selbstwiderspruche eintreten: Fur die Erfullung des eigenen
Anliegens wird noch etwas Anderes in Anspruch genommen, als man
selbst zugleich zu erklaren vermag. Personale Lebewesen bzw.
lebende Personen vollziehen sich anders, als dualistisch konzipiert
werden kann."
Das Thema der Lebenspolitik ist in der reflexiven Moderne zwischen
den Philosophien von Jurgen Habermas und Michel Foucault
wiederentdeckt worden. Aber die Individualisierung der
Risikogesellschaft legt nicht den anthropologischen Zirkel der
Moderne frei, von dem die gegenwartige Lebenspolitik inhaltlich
abhangt. Dieser inhaltliche Fokus bedeutet nicht, wie viele
Philosophen seit Heidegger glauben, die Auflosung der Philosophie.
Sie kann mit ihren eigenen Methoden und theoretischen Anspruchen
diejenige personale Lebensform freilegen, die aus dem
anthropologischen Zirkel herausfuhrt. Speziesismen (im
Naturenvergleich) und Ethnozentrismen (im Kulturenvergleich) lassen
sich durch eine bestimmte Kombination aus Phanomenologie,
Hermeneutik, verhaltenskritischer Dialektik und Rekonstruktion der
praktischen Ermoglichungsbedingungen begrundet kritisieren. Die
Philosophischen Anthropologien des amerikanischen Pragmatismus,
insbesondere von John Dewey, und von deutsch-judischen Denkern wie
Hannah Arendt, Ernst Cassirer, Helmuth Plessner und Max Scheler
haben solche interkulturellen und interdisziplinaren Leistungen
bereits im 20. Jahrhundert erbracht. Sie werden hier erstmals in
eine systematische Diskussion mit einander versetzt, die der
Gegenwartsphilosophie bislang fehlt."
|
You may like...
Up the Rhine
Thomas Hood
Paperback
R569
Discovery Miles 5 690
Nightfall
Penelope Douglas
Paperback
R305
R272
Discovery Miles 2 720
|